Epidemien in Wrocław: Jeder dritte Einwohner ist der Seuche zum Opfer gefallen

Die Seuchen suchten die Stadt alle 10-15 Jahre heim. Während der Epidemie war die Stellung der Mediziner sehr hoch. Barcelona zahlte ein Lösegeld für zwei entführte Ärzte. Es wäre so, als ob man uns heute Professor Krzysztof Simon entführt hätte, den Wrocławer Facharzt für ansteckende Krankheiten und die Stadt müsste für seine Freilassung Lösegeld zahlen - erzählt Maciej Łagiewski, Direktor des Museums der Stadt Wrocław.

Als im Frühjahr 2020 der erste Lockdown eingeführt wurde, waren Wrocławs Straßen plötzlich total leer. Der Anblick der menschenleeren Metropole mit mehreren Hunderttausend Einwohnern war sehr bedrückend. Chronisten, die die Epidemien in Wrocław im 16. oder 17. Jh. beschrieben, erwähnten ebenfalls die geschlossenen Wirtshäuser und Schulen, leere Kirchen und Veranstaltungsverbote.

In der Tat könnte man viele derartige Gemeinsamkeiten finden. Auch wenn die früheren Beschreibungen der von Epidemien heimgesuchten Städte viel dramatischer sind. Es ist darin von Trauerzügen die Rede, die ständig durch die Stadt zogen. Durch die Straßen fuhren Wagen voller Leichen, die mit erstickendem Rauch ausgeräuchert wurden. Man glaubte, das Verbrennen von Leichen, Ausräuchern mit bitterem Beifuß oder Wacholder sei ein Rezept gegen die Pestluft. Dazu hörte man überall in der Stadt das Läuten der Kirchenglocken.

Wie oft wurde Wrocław von Seuchen heimgesucht?

Die Plagen im Mittelalter und der Neuzeit betrafen vor allem Großstädte wie Wrocław, das an einer wichtigen Handels- und militärischen Route lag.

Wrocław und Schlesien wurden auch von Epidemien heimgesucht. Im Museum der Stadt Wrocław im Königsschloss wird eine sog. Seuchentafel gezeigt, die an die Pestopfer aus dem Jahr 1568 erinnert. Gestiftet wurde sie von den Stadträten Melchior Arnold und Caspar Lang. Dieses Objekt erinnert an ein Gruppenepitaphium oder eine Grabplatte, eine Art profanes Denkmal, einzigartig für damalige Zeit. Die Tafel befand sich an der Hausfassade in der heutigen ul. Ruska. Sie erinnert an die rund neun Tausend Todesopfer. Und Wrocław zählte damals ca. 30 Tausend Einwohner. Es starben also fast ein Drittel von ihnen.

Wenn man diese Proportionen auf die heutige Zeit würde, würden heute an Covid-19 zwischen 250 und 300 Tausend Wrocławer sterben.

In der Geschichte der Stadt war dies eine der größeren Epidemien. Es wird geschätzt, dass ihre Vorgängerin 13 Tausend Opfer zu beklagen hatte, allerdings auf dem Gebiet von ganz Schlesien.

Es war natürlich nicht der einzige schwarze Tod, wie die Epidemie damals bezeichnet wurde, auch andere Seuchen kamen alle 10-15 Jahre, wenn auch mit unterschiedlicher Wirkung, blieben allerdings von einer Stadt wie diese nicht lange fern. Ihre Ursachen waren meistens Kriege und Migrationen der Bevölkerung. Epidemien wie Typhus oder Ruhr waren während der Kriege für 70 Prozent der Todesfälle verantwortlich.

Die Mobilität der deutschen und französischen Truppen war im Dreißigjährigen Krieg der Grund für eine Pestepidemie, die sich 1633 über ganz Europa ausbreitete und unter dem Namen Mailänder Pest in die Geschichte einging. Zuerst wurde Italien von ihr heimgesucht (ähnlich wie in unserer Zeit!), dort tötete sie 280 Tausend Menschen. Allein in Mailand starben damals 60 Tausend Personen, in Venedig rund 50 Tausend.

Bis heute sing man in der Kirche die Fürbitte: Von der Pestluft, dem Hunger, Feuer und Krieg erlöse uns, Herr.

Bei der im Gebet erwähnten Pestluft handelte es sind natürlich um die Seuche. Neben Pest gab es noch Cholera, Malaria, schwarze Pocken und Typhus.

Cholera dezimierte die Armee Napoleons und während des 1. Weltkriegs lagen die Zahlen der Opfer von Cholera, Typhus und zusätzlich noch der sog. "spanischen Grippe" Millionenhöhe.

Wrocław war bis ins frühe 19. Jahrhundert von Stadtmauern umgeben. Deshalb auch wurden Friedhöfe ausschließlich neben Kirchen angelegt. Nur jüdische Friedhöfe lagen außerhalb der Stadtmauern.

Die Spuren der Pestfriedhöfe findet man neben den Kirchen St. Elisabeth, Hl. Maria Magdalena, Hl. Barbara. Neben der letzteren wurden in Massengräbern Menschen bestattet, die während der Pestepidemie verstorben waren. Und hier lässt sich erneut ein Bezug zur Gegenwart finden. Wir konnten doch in den Medien sehen, wie in New York oder Mexiko die Opfer des Corona-Virus in Massengräbern bestattet wurden.

Wie schützten sich die Städte vor Epidemien?

Für Truppen, die durch die Städte zogen, baute man spezielle Wachposten, an denen nicht nur die Dokumente der Soldaten kontrolliert wurden, sie mussten dort auch in Quarantäne gehen.

Solche Wachposten wurden meistens an Stadttoren oder Brücken aufgestellt. Ein Wachposten stand an der heutigen Brücke Zwierzyniecki, die früher den Namen Paßbrücke trug, nach den Passierscheinen, die dort ausgestellt wurden. An die früheren Wachposten beziehen sich auch die symbolischen Pavillons an der Brücke Pomorski.

Wer war für die Bestattung der Toten und die Pflege der Kranken zuständig?

Die Rettung der Kranken lag in den Händen der Ärzte. Es gab weder Beatmungsgeräte noch Impfungen, stattdessen arbeitete man mit Aderlass, die Pestbeulen wurden herausgeschnitten oder ausgebrannt, man verabreichte Medikamente aus pulverisierten Mumien, Hirschgeweih oder Perlen.

Mit der Mailänder Pest steht die charakterliche Tracht der damaligen Mediziner in Verbindung. Die Ärzte trugen Lederhüte und spezielle lange gewachste Mäntel, die ihre Körper dicht bedeckten. Sie charakterisierten sich auch durch Masken mit einem markanten langen Schnabel wie bei einem Vogel. Die Maske bedeckte das ganze Gesicht und in deren Schnabel wurden Kräuter gelegt: Wachholder, Minze, Camphora, Nelken, Rosen, die die Ärzte vor der verpesteten Luft schützen sollten. Die weißen Stöcke wiederum sollten auf ihren Berufsstand und die damit verbundenen Privilegien aufmerksam machen. Mit der Zeit wurde dieses Attribut auch von den genesenen Kranken verwendet.

Maciej Łagiewski, Direktor des Museums der Stadt Wrocław

Die Figur des so gekleideten Dottore wurde später in die Commedia dell’ Arte aufgenommen und kam beim Venezianischen Karneval in Mode. Vielleich werden sich in ein paar Jahren auch die Masken, die wir heute benutzen, als Symbol der heutigen Corona-Virus-Pandemie etablieren.

Wurden die Ärzte gut entlohnt?

Während der Epidemien war die Stellung der Ärzte sehr angesehen. Barcelona zahlte ein Lösegeld für zwei entführte Mediziner. Es war so, als ob man uns heute Professor Krzysztof Simon entführt hätte, den Wrocławer Facharzt für ansteckende Krankheiten und die Stadt müsste für seine Freilassung Lösegeld zahlen.

Der berühmteste Arzt in Wrocław war einst Johann Kraft von Krafftheim. Als in den 50er Jahren des 17. Jh. Wrocław von der Pest heimgesucht wurde, gab er seine Privatpraxis auf und trat in den Kampf gegen die Seuche. Die Stadt prägte sogar zu seiner Ehre eine Goldmedaille und gewährte ihm eine Extra-Vergütung. Sein Ruhm gelangte sogar an den kaiserlichen Hof und Kraft von Krafftheim wurde Hofarzt der Kaiser: Ferdinand I Habsburg, dann Maximilian II. und Rudolf II.

Bei der nächsten Epidemie trat er erneut in den Kampf gegen die Pest, steckte sich an und wurde selbst zu ihrem Opfer. 1585 starb zuerst seine Frau, kurz darauf er selbst. Sein prachtvolles Epitaph befindet sich in der Elisabethkirche von Wrocław. Er gilt als Beispiel eines Arztes, der beim Kampf gegen die Epidemie starb.

Die Helden von Boccaccios "Dekamerone" sind reiche Florentiner, die sich auf dem Land vor der Seuche versteckten.

Im 16. Jh. flohen die Wrocławer Ratsherren vor der Pest nach Świdnica. Während der Cholera-Epidemie reisten die Stadteinwohner nach Berlin oder Dresden, die von der Seuche weniger betroffen waren.

Schon in der Neuzeit versteckten sich diejenigen, die Landhäuser besaßen, in diesen Anwesen. Auch das erinnert uns an die heutige Zeit. Ich sprach mit einem Universitätsprofessor, der seit mehreren Monaten seine Wohnung außerhalb der Stadt nicht verlässt, aus Angst, an Covid-19 zu erkranken.

Doch weder der soziale Status noch der Besitz konnten mitunter einen wirksamen Schutz vor der Erkrankung garantieren. 1831 starb in Wrocław an Cholera der berühmte Militärtheoretiker Carl Filip Gottlieb von Clausewitz. Die Seuche tötete damals in Schlesien ca. zwei Tausend Menschen.

Heute hört man immer wieder Theorien, Corona-Virus sei eine Verschwörung von Geheimdiensten, Firmen, Staaten. Wem hat man damals die Schuld an der Epidemie gegeben?

Heute wissen wir, dass Epidemien vor allem Folgen von Hygienemangel waren. Sie trafen meistens große Menschengruppen, oft die Migranten.

In den früheren Zeiten allerdings galten alle möglichen Plagen, nicht nur Epidemien, als Gottes Strafe an den Menschen für Missachtung religiöser Gesetze, Fastengebote oder kirchlicher Feiertage.

Einen Beleg dafür bilden auch die Dankmedaillen. Die Kirche und die Stadtväter ließen Medaillen zum Gedenken an das Ende der Seuche prägen, auf denen sakrale Symbole zu sehen waren - als Zeichen für die Dankbarkeit für deren Ende.

Spielten Epidemien eine Rolle für die wirtschaftliche Situation der Stadt oder war der wirtschaftliche Niedergang eher die Folge?

Die Stadt konnte sich nach solchen Kataklysmen immer wieder erholen. Nicht nur nach Epidemien, sondern auch nach Hochwasser und anderen Katastrophen.

Man glaubte an die natürliche Regelmäßigkeit der Geschichte: nach schlechten Zeiten kommen wieder bessere!

Die letzte Epidemie aus dem Jahr 1963 wurde zum Symbol von wirksamen Gegenmaßnahmen. Wrocław überstand das Virus der schwarzen Pocken (variola virus) mit einer geringen Anzahl der Opfer, obwohl sie doch in der Geschichte als eine der gefährlichsten ansteckenden Krankheiten galt. Man isolierte damals streng die Ansteckungsquellen der Krankheit in der Stadt. Das war zugleich eine optimistische Erfahrung, dass beim hohen Vertrauen in die Wissenschaft und in die Errungenschaften der Medizin die Menschheit diese Art von Gefahren überstehen kann und dass alles bald besser sein wird.

Zdjecie Tomasz Wysocki

Tomasz Wysocki