Ein Jahr mit der Europäischen Kulturhauptstadt Wrocław 2016 [ZUSAMMENFASSUNG]

Die letzten zwölf Monate in Wrocław umfassten 2 Tsd. Kulturveranstaltungen, an denen 5,2 Millionen Besucher teilgenommen haben. Dies wäre ohne das Engagement der Einwohner nicht möglich. Dank ihnen wurde die KHE in Wrocław zum Erfolg.

Darum ging es auch bei den Feierlichkeiten der Europäischen Kulturhauptstadt – die Einwohner miteinzubeziehen, damit sie bereit wären, an den Veranstaltungen teilzunehmen und sich bei deren Planung zu engagieren. Und das ist in Wrocław gelungen, auch wenn die Anfänge schwer waren. – "Wir haben auf niemanden mit dem Finger gezeigt, stattdessen eher Möglichkeiten für Aktivität geschaffen" – bemerkte während der Abschlussgala der KHE Jarosław Fret, der die Arbeit von acht verschiedenen Kuratoren der verschiedenen Bereiche der KHE koordinierte.

Die kleinen großen Projekte

Die KHE ist ein Kulturfest, das nicht nur aus lauter Großevents besteht, sondern auch aus kleinen großen Projekten, die die Einwohner integrierten, die sie lehrten, eine Gemeinschaft zu sein, ihre Energie befreiten. Sie sind es meiner Meinung nach auch, die die größte Errungenschaft der KHE in Wrocław darstellen. Ein solches Projekt ist "Wrocław. Eingang durch den Hinterhof". Sein Team war in vergessenen und selten besuchten Gegenden der Stadt tätig (Przedmieście Oławskie, Ołbin, Huby, Kleczków, Brochów, Gaj, Sępolno). Heruntergekommene Hinterhöfe, Orte, die bereits als aufgegeben galten, begannen ein neues Leben, dank den Künstlern, die in den Alltag der Bewohner eintraten. Am Anfang war es überhaupt nicht rosig – die Bewohner jammerten: "Ihr könnt doch einen neuen Gehweg machen, den Hof renovieren", doch dann, von der Neugier getrieben, engagierten sie sich und begannen zu verstehen, dass sie für den Ort, an dem sie leben, selbst verantwortlich sind. Ich bin voller Bewunderung für die Konsequenz und Arbeit des ganzen Teams von Natalia Romaszkan.

Ebenso wichtig von der sozialen Seite her ist das Programm mikroGRANTY KHE 2016. Hier ist erst recht eine echte Energie frei geworden – einfache Bewohner meldeten ihre Ideen für Veranstaltungen und Projekte an und bekamen von der KHE Geld für deren Durchführung. Was wurde gemacht? Sie erforschten die Geschichte ihrer Siedlung, verzierten mit gehäkelten Arbeiten Straßenlaternen, bemalten kunstvoll die Parkbänke, lernten Einmachen, veranstalteten Spaziergänge für andere Einwohner oder nahmen sogar per Funk Kontakt zu einem Astronauten in der Raumstation auf. Viele sind zwar mit leeren Händen abgezogen, denn das Interesse hat alle Erwartungen übertroffen (es wurden 474 Ideen angemeldet und 52 durchgeführt), doch es besteht die Hoffnung für die Umsetzung neuer Projekte, denn das Programm wird fortgesetzt.

 

Die Parks KHE waren meiner Meinung nach ebenfalls eine gelungene Idee der Verbindung der Freizeit mit der Kultur, offen für alle, die etwas für andere tun möchten. In den Parks von Wrocław wurden in der Sommersaison Containers aufgestellt, in denen u.a. gemeinsame Sporttrainings, Treffen, Lesungen und Spiele für Kinder oder Kunstworkshops veranstaltet wurden.

Wrocław – offene Stadt

Für viele ältere Bewohner Wrocławs, doch nicht nur für sie, war es besonders wichtig, dass die Stadt Lemberg nach Wrocław eingeladen wurde. Zum ersten Mal in der Geschichte der KHE hat eine Kulturhauptstadt eine andere Stadt und deren Kultur zu sich eingeladen. Die Betonung der Verbindung zwischen Wrocław und Lemberg, aus der der Lemberger Monat hervorging, hatte nicht nur eine symbolische Bedeutung für die polnisch-ukrainischen Beziehungen, bezeichnenderweise zeigte sie auch, dass Europa und Polen auf der lokalen Ebene den Geschehnissen in der Ukraine nicht gleichgültig zusehen. Den ganzen April konnte man in Wrocław ukrainische Musik und Gedichte hören und die ukrainischen Spezialitäten genießen.

Eine ausgezeichnete Idee war meiner Meinung nach die Miteinbeziehung in die KHE der Städte, die sich um den Titel beworben haben und im Wettbewerbs gescheitert sind. Die Koalition der Städte, d.h. die Zusammenarbeit zwischen Gdańsk, Lublin, Szczecin, Poznań, Katowice und Łódź erwies sich als ein Volltreffer. Diejenigen, die selten durch Polen reisen, konnten sich mit eigenen Augen überzeugen, wie dynamisch sich die polnische Kultur entwickelt. Jede Stadt zeigte ihre Projekte und Künstler, es gab keine Rivalität sondern Zusammenarbeit. Die Koalition der Städte begann mit großartiger und magischer Präsentation von Lublin, Gdańsk wiederum zeigte, dass die Ostseeküste zu jeder Jahreszeit eines Besuches wert und nicht nur ist, um am Strand zu liegen, Łódź konnte beweisen, dass der Stempel der postindustriellen Stadt, der an ihr haftet, nicht mehr zeitgemäß ist. Die Koalition der Städte lieferte jede Menge Energie, sowohl für die Kunstschaffenden aus den jeweiligen Städten als auch für die Bewohner Wrocławs.

Buntes Feuerwerk über der Stadt

Es gibt wohl keine Kulturhauptstadt ohne Feuerwerk – ohne spektakuläre Massenevents, die mit ihrem Schwung und der Feststimmung für Begeisterung sorgen. Wie sehr sich die Bewohner Wrocławs nach solchen Veranstaltungen gesehnt haben, zeigte das Eröffnungswochenende. An einem kalten Januartag zogen die Einwohner auf Einladung von Chris Baldwin massenweise los, um an dem "Erwachen" teilzunehmen. Die Anfänge sind wie wir wissen immer schwierig – die Geister Wrocławs, die den Umzug leiteten, verloren ihre Räder, die Stromversorgung wurde unterbrochen (ein Marder, das zum Maskottchen der KHE wurde, hatte die Kabel durchgebissen), viele Zuschauer fanden auf dem Ring keinen Platz mehr. Doch das "Erwachen" hat die Bewohner und Veranstalter tatsächlich geweckt. Dann war es nur noch besser und schöner. Baldwin begeisterte mit der großartigen Show "Flow", die sich auf der Oder abspielte. Magische Lichteffekte und ergreifende Musik gestalteten diesen Teil der Erzählung über Wrocław, ihr Finale wurde der "Himmel" in der Jahrhunderthalle. Und auch diesmal war die Teilnahme der Bewohner wichtig – sowohl jener, die bei der Show aktiv beteiligt waren als auch der zahlreichen Zuschauer dieser Veranstaltungen.

Als Feuerwerk kann man auch die großen Konzerte von Ennio Morricone, David Gilmour, der Band Rammstein und das literarische Wochenende zur Eröffnung der Welthauptstadt des Buches UNESCO bezeichnen. Die großartige Atmosphäre des letzten Events wurde von den Einwohnern geschaffen, die massenweise die Lesungen der Europäischen Literaturnacht besuchten.

Die Fantasie und die Herzen bewegte auch der Internationale Tag des Jazz, für Begeisterung sorgten die Superoperproduktion "Zarzuela" im Stadion Wrocław sowie "Singing Europe". Das Sahnehäuptchen bildete die Verleihung der Europäischen Filmpreise, die so konzipiert wurde, dass jeder, der Lust hatte, im Kino Nowe Horyzonty an dem Fest des europäischen Kinos teilnehmen konnte.

Es wäre ungerecht von mir, wenn ich bei dem Feuerwerk die außergewöhnlichen Ausstellungen nicht erwähnt hätte, die man in diesem Jahr in Wrocław besuchen konnte - "Skulpturen von Eduardo Chillida" in Awangarda BWA, Ausstellungen im Architekturmuseum zum Thema Mies van der Rohe-Architekturpreise, der Werk der Architektin Jadwiga Grabowska-Hawrylak aus Wrocław oder die geniale Show "Werkbund-Siedlungen. Der Weg zur Moderne". Eine einzigartige Veranstaltung war auch die Wiedereröffnung des Vier-Kuppel-Pavillons nach Renovierung und Umbauarbeiten, in dem man die ständige Ausstellung der polnischen Kunst der Gegenwart besichtigen kann. Wichtige Ausstellungen wie "Summer rental", " Europa in Wrocław" oder "Photography never dies" können immer noch besucht werden.

Die Theaterolympiade befindet sich auch auf dieser Liste – zum ersten Mal besuchten Wrocław gleichzeitig so viele bekannte und legendäre Theatermacher mit ihren Stücken, u.a. Eugenio Barba, Peter Brook, Tadashi Suzuki, Theodoros Terzopoulos, Robert Wilson, Romeo Castellucci, Heiner Goebbels, Krystian Lupa, Walerij Fokin, Pippo Delbono oder Jan Fabre.

"Die KHE ist in uns"

Bei der Abschlussgala der KHE sang der Chor der Kommentierenden Wrocławer: "Die KHE ist in uns, denn die KHE besteht aus uns/ Wir gestalten den Raum, greifen uns die Zeit/ Und selbst wenn Marder kommen, ganze Horden von Mardern,/ Wenn Donner und Blitze die Brunnen zerstören,/ der Grobian nennt es Kitsch und Müll, / Es wird uns nicht anhalten, denn die KHE besteht aus uns".

Wer mit dieser gedichteten Zusammenfassung nicht einverstanden ist, sollte sich mit den Untersuchungen des Teams um Dr. Jerzy Pluta von der Universität Wrocław vertraut machen, das über das ganze Jahr Umfragen erstellte und die Bewohner befragte.

Den Untersuchungen zufolge reagieren die Bewohner Wrocławs sehr positiv auf die KHE und halten sie keinesfalls für eine Veranstaltung für Reiche, die nur dazu diene, das Image der Stadt zu verbessern. Sogar 51 Proz. der Befragten bewertete die KHE als gut, 20 Proz. gar als sehr gut.

Was bleibt von der KHE

Wir als Bewohner Wrocławs sind mit den Veranstaltungen der KHE zufrieden und jetzt, am Ende des Jahres fällt es uns schwer, sich von der Europäischen Kulturhauptstadt zu trennen. Was also bleibt von ihr übrig? Vor allem Kultureinrichtungen, in die Geld investiert wurde wie u.a. der Vier-Kuppel-Pavillon, das Musiktheater Capitol, das Nationale Musikforum, Kultur- und Bibliothekzentrum Fama, Wrocławski Klub Formaty, das Pan-Tadeusz-Museum, das Geschichtliche Zentrum Zajezdnia, Barbara. Vor uns noch die Eröffnung des Theatermuseums und die Fertigstellung der Siedlung "Nowe Żerniki".

Es bleiben auch Projekte wie das Programm der Künstlerischen Residenzen A-i-R Wro, Wrocław – Eingang durch den Hinterhof, Verlagsprogramm von Wrocław, Parks KHE, Literaturhaus Wrocław sowie Netzwerke für kulturelle Zusammenarbeit wie Welthauptstadt des Buches UNESCO, Städtenetzwerk KHE, Koalition der Städte für Kultur, Netzwerk ICORN und Publikationsreihe KHE.

Es bleibt auch das Immaterielle, doch wohl das Wichtigste: die gemeinsame Erfahrung der Einwohner – das Engagement, die Energie und der Wille, gemeinsam aktiv zu werden.

KHE in den Zahlen

  • 2000 Veranstaltungen
  • 5,2 Mio. Teilnehmer (Schätzwerte für 31.10.2016, die endgültigen Werte erfahren wir im März 2017)
  • 100 Präsentationen KHE im Ausland
  • 70 Publikationen im Rahmen KHE
  • 170 Tsd. Menschen, die an den Projekten KHE beteiligt waren
  • über 100 Tsd. Publikationen und News über KHE in Polen und im Ausland
  • 150 Mitarbeiter KHE
  • 2000 freiwillige Helfer

 

Zdjecie Agnieszka Kołodyńska

Agnieszka Kołodyńska